Hoangascht mit Signe Reisch

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Foto: blog.kitzbuehel.com / Tourismusverband Kitzbühel

Hoangascht mit Signe Reisch

 

Von der „Kleinen Zeitung“ wurde sie 2013 als die „mächtigste Frau Kitzbühels“ betitelt, im In- und Ausland nennt man sie „die Königin der Streif“ und ServusTV reiht sie in einem Sendeformat als österreichische Hoteliers-Legende. Signe Reisch, Wirtin des Traditionshotels Rasmushof und Präsidentin des Kitzbüheler Tourismusverbands, ist zweifelsohne das Gesicht der Gamsstadt und selbst ihre größten Kritiker sprechen ihr ihren enormen Ehrgeiz, Elan und ihre Leistungsfähigkeit nicht ab. Grund genug für uns, „die Präsidentin“ an ihrem 62. Geburtstag zum Herzregion „Hoangascht“ zu bitten und mit ihr über ihren inneren Antrieb, die Zukunft des Tourismus, Regionalität und Digitalisierung zu sprechen.

Liebe Signe, wir gratulieren dir von Seiten der Herzregion recht herzlich zu deinem Geburtstag und bedanken uns, dass du uns als Präsidentin des TVBs in unserer „Hoangascht“-Reihe zur Verfügung stehst. Wie und warum hast du den Weg in den Tourismus gefunden?

Die Passion für den Tourismus wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Als Kind habe ich bereits bei meinen Großeltern im Reischhof in der Küche die „Kasteln“ ausgeräumt und mitgeholfen. In meiner Jugend konnte ich dann in der Gastronomie der Eltern, dem „Red Bull“ – international kennt man es auch als Teil des Streif Zielhauses – erste Erfahrung sammeln und habe miterlebt, wie man in einer traditionellen Branche auch neue Wege gehen muss. Heute ist es zwar gang und gäbe, aber zu dieser Zeit etablierten wir das „Red Bull“ als erstes Selbstbedienungsrestaurant sowie Steakhouse in unserer Region. Neue Konzepte und Gerichte landeten auf der Speisekarte –  während man andernorts noch Ripperl mit Röstkartoffeln aß, servierten wir im „Red Bull“ Spare Ribs mit Baked Potatoes (lacht). Mir gefällt es, wenn man Bestehendes hinterfragt, aber dennoch nicht auf die eigenen Wurzeln vergisst. Dafür ist der Tourismus eine ganz besondere Branche in der ich mich einfach wohl fühle! Später dann als Teenager habe ich mir im Glockenspiel und im Rasmushof Sporen verdient und wusste auch sofort, dass ich kein Scheibtischmensch bin. Ich brauche Leute um mich und es muss sich „was rühren“. Heute bereitet es mir die größte Freude, Gästen unser wunderschönes Kitzbühel in all seinen Facetten zu präsentieren und die Begeisterung über die Gamsstadt in deren Augen zu sehen.

Im ServusTV Interview hast du gesagt, als „Mädel“ war es sicherlich etwas schwieriger sich in Kitzbühel zu behaupten. Was genau meinst du damit?

>>> Hier geht es zum ServusTV Video<<<

Heute würde man wahrscheinlich einen Facebook-Post mit dem „Hashtag“ #MeToo verfassen, aber es war eine andere Zeit. Als junges Mädel hat dir auch ein Koch einmal auf den Hintern geklopft und es kam vor, dass ein Gast die anderen ausgesessen ist, um dich abzupassen. Man lernte damit umzugehen und auszuweichen, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Wobei ich ehrlich sage, als junges Mädchen würde ich mir heute nichts mehr gefallen lassen, was damals noch durchgegangen ist. Keine junge Dame sollte sich heutzutage solche Dinge gefallen lassen.

Dennoch ist es aber auch heute noch so, dass du als Frau vor allem in sehr kompetitiven Branchen mehr Leistung bringen musst, um die gleiche Anerkennung zu bekommen.

Egal ob kleine Vereinsfeier oder Großevents wie das Hahnenkammrennen, du machst dir für jeglichen Anlass die Mühe, vor Ort zu sein und bietest deine Unterstützung an. Man hat den Eindruck, dein Tag hat mehr als 24 Stunden. Wie sieht ein klassischer Arbeitstag für dich aus?

Pünktlich um 5.00 Uhr geht es raus aus den Federn und ich beginne damit, den Bürokram hinter mich zu bringen, solange alles ruhig ist. Die letzten ruhigen Minuten verbringe ich in der Früh beim Friseur. Anschließend geht es in der Regel durch bis in den späten Abend – Frühstücksstammtisch, Telefonate, Gästeanfragen, Personalbesprechungen, Sitzungen für den Tourismusverband und wie von dir bereits gesagt, diverse Veranstaltungen. Im Winter, vor allem nach dem saisonalen Höhepunkt, dem Hahnenkammrennen, lass ich mir allerdings nicht nehmen, gleich in der Früh ein bis zwei Mal die Streif zu fahren. Wenn dann am Vorabend einmal ein „Karter“, am liebsten ein „Watter“ drinnen ist, dann ist das mein Urlaub.

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Foto: Rasmushof Kitzbühel / www.rasmushof.at

Du blickst jetzt auf deine erste Funktionsperiode als Präsidentin des Tourismusverbandes zurück. Was waren in dieser Zeit deine größten Meilensteine, auf was bist du besonders stolz? Gab es auch Hürden?

Zu aller erst möchte ich anmerken, dass mein größter Stolz meine Kinder sind, die voll und ganz hinter mir stehen. Es ist nicht immer leicht für sie, aber ich bin für ihre Unterstützung äußerst dankbar!

Was die tatsächliche Arbeit als Obfrau betrifft, so freut es mich, dass ich heute wirklich etwas in Kitzbühel bewegen kann. Zahlen wie 147.000 und mehr Übernachtungen, die Verdreifachung des Marketingbudgets bei gleichzeitiger Senkung der Lohnkosten sowie die Verdoppelung der Betriebsmittelrücklage zeigen den betriebswirtschaftlichen Erfolg, den wir in der Funktionsperiode erzielen konnten. Was die Qualitätsverbesserungen betrifft, so sind wir besonders stolz auf unseren Golfplatz Kitzbühel Schwarzsee-Reith. Zudem war es unser Ziel, Kitzbühel als ganzjährige Urlaubsdestination zu positionieren, der Ausbau und die Verbesserung der Wanderwege sollten hierbei nicht unerwähnt bleiben.

Der TVB ist nur so gut wie die Zusammenarbeit mit der ARGE funktioniert – also der Austausch mit der Stadt, der Bergbahn und dem Skiclub sowie anderen „Stakeholdern“. Das hat wunderbar funktioniert und Synergien konnten wir zum Positiven für unseren Fremdenverkehr nutzen.

Selbstverständlich haben wir uns auch bemüht, neue Märkte zu adressieren, hier haben wir zum Beispiel den Markt China sondiert. Dennoch steht der Fokus nach wie vor bei unseren derzeit vielversprechenderen „Emerging“ Markets und Kern- bzw. Schlüsselmärkten.

Im Bezug auf die Hürden muss gesagt werden, dass wir in der Gamsstadt und über unsere Grenzen hinaus eine große Verantwortung haben, denn Kitzbühel und der Tourismus gehören zusammen! Es sind sehr viele unterschiedliche Interessen im Spiel und es ist nicht einfach, immer Ergebnisse zu erzielen, mit denen alle Beteiligten zu 100% zufrieden sind. Mein Trott ist auch nicht jedermanns Tempo, das respektiere und weiß ich natürlich und versuche konsensorientiert zu agieren.

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Foto: Signe Reisch

Der internationale Wettbewerb macht auch vor unserem Tourismus nicht halt. Wie können wir hierbei einen Wettbewerbsvorteil nutzen und wie kann sich Kitzbühel profilieren?

Uns muss klar sein, dass Kitzbühel auf eine lange Geschichte im Tourismus zurückblicken kann. Unsere Gäste kommen wegen dieser Geschichte, es muss daher unsere Aufgabe sein, unsere Identität zu bewahren. Dazu gehört auch die rigorose Qualitätssicherung des ganzheitlichen Angebots – von den Betten, über die Pisten bis hin zum Service.

Ebenso der Aspekt der Nachhaltigkeit muss einen großen Stellenwert einnehmen, unsere Region in allen Facetten ist ein Gottesgeschenk, wir sollten daher die Inszenierung der Natur nutzen und nicht die Natur inszenieren. Hierbei sind wir aber auf einen sehr guten Weg, unsere Gäste schätzen das!

Was sind deiner Meinung nach die großen Zukunftstrends im Tourismus?

Die Digitalisierung ist in der Branche definitiv das Top-Thema. Das bedeutet nicht nur, dass Gäste ihren Urlaub online buchen wollen, sondern auch, dass diese während und nach dem Aufenthalt digital „begleitet“ werden wollen. Informationen zur Region, zum Wetter, zur Schneelage und vieles mehr muss in Echtzeit bereitgestellt werden, damit sich der Gast von Heute wohl fühlt. Aber auch im Bereich der Logistik, der internen Kommunikation und in vielen anderen Bereichen werden digitale Lösungen die Zukunft des Tourismus bestimmen. Wir wissen aber auch, dass wir in den ländlichen Regionen leider Wettbewerbsnachteile im Bereich der Digitalisierung haben. Wir stecken immer noch in den Kinderschuhen, wissen aber, dass es hierbei einer raschen Reaktion bedarf. Wir sind uns dem bewusst und sprechen viel mit Experten, ich selbst besuche Schulungen zu diesem Thema und versuche mich ständig weiterzubilden.

Ebenso das sogenannte Customer Relationship Management spielt eine Schlüsselrolle um nachhaltig erfolgreich zu sein. Damit ist gemeint, dass es nicht mehr rein darum geht den Erfolg über Buchungen und Reservierungen zu messen, sondern vielmehr die Zufriedenheit des Gasts über die nachhaltige Beziehung zwischen Tourismusort und dem Gast als Messinstrument zu nutzen.

THEMA REGIONALITÄT:
Regionalität liegt im Trend – in der Gastronomie, im Handel, im Tourismus generell. In welchen regionalen Themen ist Kitzbühel Vorreiter? Wie sieht die Zusammenarbeit mit anderen Regionen aus?

Wir haben in der Bevölkerung eine sehr gute Vernetzung und am Ende des Tages ziehen wir am selben Strang. Nachhaltige Betriebe, hochwertigste Kulinarik und der generelle Anspruch an uns selbst, höchste Qualität zu liefern, zeichnet unsere Region aus!

Die Zusammenarbeit mit anderen Regionen ist auf freundschaftlicher Basis, es gibt viel Austausch bei Veranstaltungen und auch gemeinsame Kampagnen, schließlich ist nahtloses Denken über die Grenzen hinaus ein wichtiger Erfolgsfaktor für alle Regionen.

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Foto: Signe Reisch

Die sogenannten Millenials bieten vor allem im Tourismus ein enormes Marktpotential. Dieses Kundensegment wird – aufgrund guter Ausbildung und Zahlungsbereitschaft im Bereich der Freizeitaktivitäten (Stichwort Work-Life Balance) – die Zukunftserfolge in der Branche bestimmen. Dennoch ist es schwer diese Zielgruppe zu überzeugen. Verglichen wird online, gebucht wird auf Plattformen mit dem besten Preis- Leistungsverhältnis und aufgrund des riesigen Angebots sowie der Bereitschaft regelmäßig „Neues“ zu probieren, ist es eine Herausforderung eine nachhaltige Kundenbindung (‚retaining customers’) aufzubauen. Wie kann der Kitzbüheler Tourismus bei dieser Thematik seinen Erfolg beibehalten?

Qualität wird im Tourismus immer und auch generationenübergreifend ein großes Thema sein, hier sind wir ganz weit vorne dabei. Aber wie schon vorhin besprochen wissen wir, dass diese Zielgruppe digital zu erreichen ist, deshalb liegt ein großer Schwerpunkt für uns auch in ebendiesem Bereich. Es geht darum, mit einem ganzheitlichen sowie ganzjährigem Angebot ein attraktives Freizeitangebot zu schaffen und uns über herausragende „Customer Experience“ zu profilieren.

Liebe Signe, wir bedanken uns für das spannende Interview und wünschen dir für dein nächstes Lebensjahr viel Erfolg und Gesundheit!


 

WORDRAP mit Signe Reisch

 

Woher holst du täglich deine Energie? Was macht dich stark?

Aus dem heimatlichen Umfeld

Worüber kannst du dich ärgern?

Dummheit, Illoyalität, mangelndes Interesse, eigene Fehler

Heimat bedeutet für mich…

Ein Wort. Kitzbühel

Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe ich…

Die Herausforderungen werden größer, weil die Bedingungen schwieriger werden: Bürokratie, Steuerlast, Leute werden anspruchsvoller, flexibler, aber auch irgendwie unanständiger.

Freie Minuten oder Stunden verbringe ich am liebsten…

Beim Skifahren im Winter, beim Schwammerlsuchen im Sommer und ganzjährig am Stammtisch bei einem Karter

Mit welcher lebenden oder verstorbenen Persönlichkeit würdest du gerne auf einen Hoangascht auf den Hahnenkamm wandern und warum?

Mit Franz Reisch, weil er so ein weitblickender Mensch war, dessen Verbundenheit mit Kitzbühel so viel bewirkt hat, was auf heute wesentlich zurückwirkt.

Und wenn ich noch eine zweite Person nennen darf, dann mit Berta von Suttner, weil sie als Frau ihrer Zeit voraus war und die Dinge richtig gesehen hat